Oruc Özer macht Hamburg stolz
Als Oruc Özer mit dem Boxen anfing, zweifelte seine Mutter noch daran, dass Kampfsport das richtige für ihren Sohn ist. Mittlerweile kann sie aber stolz auf den 14 Jährigen Hamburger sein, der ungeachtet dessen hart trainiert hat und sich selber belohnte, indem er vor zwei Wochen den Deutschen Meistertitel in Lindow errang.
Wir treffen Oruc in den Räumen seines Heimatvereins, der Sportschule Agon. Hier, im Hamburger Stadtteil Winterhude, trainiert der Nachwuchsboxer unter der Aufsicht seines Trainers Frank Rieth für die vor ihm liegenden Aufgaben. Denn mit der Deutschen Meisterschaft soll das Ende noch lange nicht erreicht sein – Auch wenn dieser Sieg aktuell das Thema Nr.1 im Verein ist.
„Mit dem Boxen angefangen habe ich, als ich in der 5. Klasse war. Da konnten wir in der Schule zwischen verschiedenen Kursen wählen. Ich wollte immer schon etwas mit Kampfsport, wie zum Beispiel Karate machen. Als ich dann die Broschüre durchblätterte und auf Boxen stieß, meldete ich mich sofort an. Zwei Wochen später hat mein Trainer mich dann gefragt, ob ich nicht einmal in seinem Verein vorbei kommen möchte!“, berichtet Oruc. „Meine Mutter war zuerst ein wenig besorgt und hatte Angst, dass ich mir nur die Nase breche. Dann habe ich sie einmal mitgebracht und mein Trainer hat alle Boxer Aufstellung nehmen lassen. Dann hat er sie gefragt, ob sie dort gebrochene Nasen sieht.“
Dieses Argument leuchtete ein und Oruc konnte sich in Ruhe dem Training widmen. Drei Monate später bestritt er seinen ersten Kampf bei den Schülern. „Ich war sehr nervös und dachte mir nur: Was machst du hier? Aber es hat trotzdem Spaß gemacht, obwohl ich verloren habe!“ Mit der Zeit kam die Erfahrung. Oruc wuchs aus der Altersklasse der Schüler heraus und wurde Kadett. Dort holte er nun den Deutschen Meistertitel.
„Beim ersten Mal holt man selten einen Titel, weil man zu aufgeregt ist. Das war vielleicht mein Vorteil, weil ich die Deutsche Meisterschaft vom letzten Jahr schon kannte. In meinem ersten Kampf hatte ich keinen so guten Start, sodass mein Trainer Mitte der 1. Runde „Plan B“ rief. Ich stellte mich um und es funktionierte.“ Oruc entschied den Kampf nach Punkten für sich und kam weiter. Dort wartete ein hartes Kaliber auf ihn. Alleine schon vom Namen her.
„Er hieß Hukic und war ein Verwandter von Marco Huck! Bevor er gegen mich antrat, hatte er Sechzehn Siege und nur eine Niederlage. Jetzt hat er zwei! Vor dem Kampf sah er körperlich stark aus, aber im Ring habe ich ihn dann unter Druck gesetzt und klar besiegt!“ So sieht das auch Trainer Frank Rieth. „Der hatte am Ende richtig Angst vor Oruc!“
Als letztes wartete das Finale auf Oruc. Und mit ihm ein harter Kontrahent. „Der Gegner hatte in seinem Halbfinale einen sehr starken Eindruck gemacht. Gute Konter und blitzschnell!“, berichtet Rieth. Prompt beschließen sie, die Gegenseite mit den eigenen Waffen zu schlagen. „Ich hielt meine Deckung geschlossen und habe gewartet, bis er kommt. Dann habe ich ihn abgekontert!“, erzählt Oruc. Eine Taktik, die aufgeht. „Oruc war fast immer schneller als der andere und hat das Finale klar für sich entschieden. Dass es so leicht war, hat mich auch überrascht!“, so Rieth, der seinen Kämpfer mit einem sichtlichen Anflug von Stolz betrachtet.
Als der letzte Gong erklang und Oruc zurück in seine Ecke ging, sagte sein Trainer nur: „Du hast den Sieg in der Tasche!“ Eine Aussage, die beim Boxer für Unbehagen sorgte. „Kurz davor hatte ich einen Kampf beim Ostseepokal. Da hat er dasselbe gesagt und ich habe durch ein Fehlurteil verloren. Ich hatte Angst, dass es wieder so kommt!“
Doch die Sorge erwies sich als unbegründet. Die Punktrichter hatten ihre Augen offen gehabt und erklärten Oruc zum Deutschen Meister. „Das Gefühl kann man nicht beschreiben.“ verrät uns Oruc, als die Frage kommt, wie dieser Moment war. „Aber ich habe mich sehr gefreut!“
Jetzt wurde der frisch gebackene Deutsche Meister vom DBV für die EM in Kesztelý/Ungarn nominiert und wird sich bald mit den besten Kämpfern Europas messen. Anschließend steht der Wechsel zu den Junioren an. „Das ist mein letztes Jahr als Kadett. Danach bin ich Junior, womit es noch schwerer wird, an Meistertitel zu kommen!“
Seine Mutter war übrigens sehr erfreut, als sie vom Triumph ihres Sohnes hörte. „Zuerst hat sie mir gar nicht geglaubt, als ich sie angerufen habe. Ich mache nämlich manchmal Scherze. Zum Beispiel sage ich immer, ich hätte meine Kämpfe durch KO gewonnen. Als sie mir dann aber geglaubt hat, schrie sie vor Freude und hat sofort meine Schwester angerufen!“
Doch was Oruc neben allen Rückschlägen, Siegen und Gefühlen am meisten im Gedächtnis blieb, ist eine ganz normale Situation. „Wenn ich an die Deutsche Meisterschaft denke, dann erinnere ich mich daran, wie ich nach dem Gewinn des Titels in den See sprang! Das war kalt und ich wollte zuerst nicht. Aber jetzt ist es doch eine schöne Erinnerung!“
Man darf gespannt sein, welche schönen Erinnerungen der Nachwuchsboxer noch haben wird, wenn er in ferner Zukunft seine Karriere beendet. Wenn es nach Oruc geht, dann liegen vermutlich noch viele weitere Titel dazwischen.

