
Der Kampf zwischen Amasheh und Hamzaoui wurde mit einem fragwürdigen Urteil bedacht. Wie das genau zustande kam, sei mal dahingestellt. Vielmehr interessiert, was einer der offiziellen Verbandsdelegierten zu diesem Kampf und dem darauf folgenden Urteil zu sagen hat.
Malte Müller-Michaelis, WBC-Female Championship Chairman und Supervisor bei diesem Kampf, gab dazu folgende Auskünfte:
Wie hast du das mit dem Punktrichterurteil zwischen Raja Amasheh und Amira Hamzaoui aufgenommen? Warst du bei diesem Event live dabei?
Malte Müller-Michaelis: Tatsächlich war der Kampf zwischen Raja Amasheh und Amira Hamzaoui der erste, den ich in meiner neuen Funktion beaufsichtigt habe – und ausgerechnet dieser erste Kampf endete mit einem umstrittenen Urteil, das unter seltsamen Bedingungen zustande gekommen ist.
Als WBC-Supervisor habe ich selber mitgepunktet – auf unseren „Master Scorecards“, auf denen wir die Wertungen der drei Punktrichter notieren, gibt es dafür ein separates Feld – und hatte Raja Amasheh am Ende mit vier Punkten (97:93) vorne. Das entspricht in etwa der Wertung des WBC-Punktrichters Steve Mertz, bei dem es am Ende 98:94 für Amasheh hieß, weil er zwei Runden unentschieden gab.
Die beiden anderen Punktrichter (Vincent Dupas aus Frankreich und Toni Tiberi aus Luxemburg) werteten mit 96:94 bzw. 97:94 für Hamzaoui. Nun muss ich grundsätzlich sagen, dass es ein unterhaltsamer und ausgeglichener Kampf war, in dem einige Runden schwer zu werten waren. Deswegen – und weil ich mich selber gerne einer kritischen Reflexion unterziehe – habe ich mir die Video-Aufzeichnung inzwischen noch mal angeschaut. Die Analyse der „Master Scorecard“ zeigt, dass sich die Punktrichter in einigen Runden nicht einig waren – vor allem in den Runden 1, 8 und 9. Gerade diese Runden gehören aus meiner Sicht aber zu denjenigen, die am klarsten und leichtesten zu werten sind.
Die Umstände, die zu dem Urteil führten, waren insofern etwas unglücklich, als zwei Verbände involviert waren, deren Offizielle den Kampfverlauf offenbar unterschiedlich bewerteten. Sowohl WBC-Ringrichter Jürgen Langos, als auch WBC-Punktrichter Steve Mertz teilten meine Meinung, dass Raja Amasheh ihren Titel hätte verteidigen müssen. Die WBF-Punktrichter Vincent Dupas und Toni Tiberi waren aber der Ansicht, dass Amira Hamzaoui den Kampf gewonnen hat. Nun muss man dazu sagen, dass auch der WBF-Delegierte Jean-Marcel Nartz, der neben mir saß, den Kampf mit einer Runde zu Gunsten von Raja Amasheh gewertet hat. Nur „seine“ Punktrichter sahen das nun mal anders. Es ist immer schwierig, wenn verschiedene Verbände bei einem Kampf involviert sind, weil unter Umständen in einzelnen Details andere Regeln gelten, oder weil die Punktrichter einfach auf andere Dinge achten, unterschiedlich geschult oder erfahren sind.
Deswegen habe ich einen entsprechenden Bericht verfasst und das Video ans WBC-Büro geschickt. Dort wird der Kampf jetzt noch mal von einem neutralen Kampfgericht bewertet. Sobald das Ergebnis feststeht, werden wir es natürlich bekannt geben.
WBC hat Rückkampf angeordnet – gut. Aber was wenn WBF auf dem Punkturteil besteht? Kann es ein Rematch auch „nur“ um den WBC-Titel geben? Was wenn die Französin sich weigert noch einmal anzutreten? Kann ihr der WBC-Titel aberkannt werden?
Malte Müller-Michaelis: Unabhängig von der noch folgenden Video-Auswertung haben wir uns dazu entschlossen, ein direktes Rematch anzuordnen. Das ist aus unserer Sicht in jedem Fall nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten, da ein enger und ausgeglichener Kampf mit einer kontroversen Split Decision endete. Wir halten es nur für fair, beiden Boxerinnen die Möglichkeit zu geben, die Neuauflage klar für sich zu entscheiden, damit keine Fragen offen bleiben. Das ist in jedem Fall besser als jede Entscheidung am „grünen Tisch“.
Natürlich können wir niemanden zum Kämpfen zwingen. Aber alle Kämpferinnen und Kämpfer unterschreiben vor WBC-Titelkämpfen eine Vereinbarung, nach der sie sich den WBC-Entscheidungen unterwerfen. Insofern gehe ich davon aus, dass der Rückkampf zustande kommt. Zudem habe ich Amira Hamzaoui in Saarbrücken als eine absolut faire Boxerin kennengelernt, die sich mit Sicherheit nicht aus der Verantwortung stiehlt. Auch sie wird ein Interesse daran haben, die Angelegenheit im Ring zu klären.
Was und wie die WBF entscheidet, kann ich natürlich nicht sagen. Letzten Endes spielt das für uns aber auch keine Rolle. Wir haben für uns schon eine wichtige Lehre aus den Vorfällen gezogen und eine grundsätzliche Entscheidung getroffen: In Bezug auf das Kampfgericht machen wir ab sofort nur noch in absoluten Ausnahmefällen Kompromisse. Ansonsten werden wir immer darauf bestehen, dass nur geschulte WBC-Punkt- und Ringrichter zum Einsatz kommen, damit wir nicht im Nachhinein ein Ergebnis erklären müssen, das wir als Verband nicht rechtfertigen können. Insofern gilt für den Rückkampf von unserer Seite ohnehin, dass ausschließlich WBC-Offizielle im Einsatz sein werden. Dann gibt es hoffentlich auch keine weitere Kontroverse.
Man kann also getrost davon ausgehen, dass es unabhängig davon, wie der Verband WBF entscheiden wird, zu einem Rematch zwischen Raja Amasheh und Amira Hamzaoui kommt. Wann und wo das sein wird, lässt sich gewiss in den nächsten Wochen abklären.



