Fotos: SES Boxing / Sturm Promotion
Ein Kampf in Deutschland, wie man ihn selten hat. Sowohl Sturm (39(18)-4(1)-2) als auch Stieglitz (47(27)-4(2)-0) sind populäre Boxer, haben aber schon bessere Zeiten erlebt. Jetzt wollen/sollen sie gegeneinander antreten. Ein, ja gut nennen wir es mal „Spitzenkampf“, der sich gut verkaufen lässt, ist es auf jeden Fall. Der Sieger aus dem Kampf oder auch Beide nacheinander, sollen dann gegen Sauerland-Boxer Arthur Abraham antreten. Der jetzt gemeinsame Haussender SAT 1 macht es möglich und will diese interessanten Kampfpaarungen dem deutschen TV-Publikum präsentieren. Sturm (Mittelgewicht) und Stieglitz (Supermittelgewicht) treffen sich laut Ankündigung bei einem Gewicht von 75,5 kg und werden auch ohne Titel über eine volle WM-Distanz von 12 Runden boxen. Im Gegensatz dazu gab Robert Stieglitz heute bekannt, es werde im Supermittelgewicht gekämpft.
Die übliche Frage „Wer wird gewinnen?“ lässt sich nicht mal so aus dem Stehgreif beantworten. Beide haben natürlich ihre Fanbase, die ganz genau weiß warum ihr Favorit vorne sein muss und wird. Aber vielleicht kann man auch mal versuchen nüchtern dran zu gehen und ein paar Argumente aufzählen, die für oder gegen die Kandidaten sprechen.
Felix Sturm: Es bleibt wohl unbestritten, dass er seinen Höhepunkt im Kampf gegen Oscar de la Hoya hatte. Damals wurde er in en USA bewusst um den verdienten Sieg gebracht. Danach kamen etwas schwächere Gegner und auch Kämpfe, die er im ersten Versuch nicht für sich entscheiden konnte. Im Nachgang erledigte er seine Aufgaben und lies nicht „unbearbeitet“ zurück. Die Niederlage gegen Castillejo wurde genau so ausgebügelt wie das Unentschieden gegen Griffin. Sylvester hatte er besser im Griff als Gevor. Dann der Bruch mit Universum. Erste Gegner auf eigene Rechnung waren bewusst ausgesucht und kamen nicht zum gewinnen. Enttäuschung bei den Fans. Dann die (eigentliche) Niederlage gegen Macklin, die dem Publikum dennoch als Punktsieg verkauft wurde. Das gab einen Bruch bei vielen Sturm-Fans, weil man solche Arroganz nicht toll findet. Im Kampf danach gegen Murray, der vielleicht knapp gewonnen war, gab es dann erstaunlicherweise ein Unentschieden, das bis heute nicht ausgebügelt wurde, warum auch immer. Eigentlich wären sowohl gegen Macklin als auch gegen Murray Rückkämpfe angesagt gewesen. Der eindeutige Sieg gegen Zbik rückte Einiges gerade und Sturm verdiente sich noch einmal Lob und Anerkennung, sowohl von Fans als auch Kritikern.
Dann das Desaster beim Titelvereinigungskampf gegen Geale. Man glaubte an einen leichten Sieg, doch was da kam war nicht das, was man sich vorgestellt hatte. Sturm dachte wohl genug getan zu haben, doch es reichte nicht. Dann die Quali zum IBF-Titelkampf gegen Soliman. Sturm brachte Soliman 2x an den Rand der Niederlage und wieder kam der Irrglaube bei Sturm auf, das würde reichen. Eine gerechte Punktniederlage. Zu Sturms Glück wurde Soliman eine in Deutschland nicht erlaubte Substanz nachgewiesen und der Kampf zählte nicht. Statt dessen durfte sich Sturm über den eher leichten Umweg Radosevic zu einem IBF-Titelkampf qualifizieren. Daniel Geale hatte den IBF-Gürtel mittlerweile an Darren Barker verloren. Der Sieg über ihn war der letzte Höhepunkt, für den Sturm sich feiern lies. Barker zu überrennen war wegen dessen Hüftproblemen allerdings nicht die schwierigste Aufgabe.
Um so enttäuschender dann die Niederlage im 2. Kampf gegen Soliman. Wieder ein Desaster. Diesmal sah Sturm nicht nur schlecht aus, er war es auch. Er wurde von dem Irrlicht Soliman fast nach Belieben getroffen, konnte aber selbst nicht punkten. Das Ergebnis 111:117 und 2x 110:118 war einfach erbärmlich. Sturm stand vor Soliman herum wie ein Elfmeterschütze, der ohne Ball ein Tor machen will. Schlimmer noch: Er schien wie das Kaninchen vor der Schlange und hat nicht mal richtig versucht, diesen Kampf zu gewinnen. Titel adè und futsch. Solimann zu Recht mit Schadenfreude. Ratlosigkeit, neu aufstellen. Trainerwechsel aus einem sehr seltsam klingenden Grunde. Auf einmal ist der Weg zwischen Hamburg und Köln zu weit. Man wird ja nicht jünger.
Jetzt neue Chance, neues Glück. SAT 1 bläst zum großen Hallali und vereint die bedeutensten deutschen Boxställe unter seinem Dach. Mal sehen was dabei raus kommt. Auf jeden Fall mehr Abwechslung, auch wenn der Sender die Zuschauerströme zukünftig in Richtung Pay-TV oder Pay-Stream lenken wird. Es ist vorläufig positiv, wenn in Deutschland bekannte Größen nicht auf einmal von der Bildfläche verschwinden, weil sie keinen TV-Partner mehr haben. Felix Sturm hat damit noch einmal die Chance auf mindestens 2 große Kämpfe in der nächsten Zeit. Oder sogar mehr, falls es wieder einmal zu Rückkämpfen kommt. Das Jahr 2015 scheint jedenfalls für ihn und sein Team einnahmesicher zu werden.
Robert Stieglitz ist im Osten Deutschlands, besonders in Magdeburg, sehr beliebt. Er konnte sich über Jahre gut entwickeln und gehört zum Ur-Inventar von SES. Er war IBF-Jugendmeister im Halbschwergewicht, später IBF-Inter-Continental-Champ im Supermittel. Der Griff nach dem IBF-Worldtitel gegen Alejandro Berrio 2007 in der Stadthalle Rostock misslang. Auch der 2.Anlauf im Eliminator-Kampf in Monaco gegen Librado Andrade ging daneben. Doch aufgeben gab es nicht. Im Jahr 2008 dann ein knapper Sieg gegen in 22 Kämpfen ungeschlagenen Lukas Wilaschek, als es um den WBC-International ging. Im Jahr darauf der vorläufige Höhepunkt: Stieglitz gewinnt gegen Karoly Balzay durch Aufgabe der Ecke mit TKO 11 und wird WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht. So weit – so gut.
Die wirklich großen Fights blieben allerdings für Stieglitz aus. Er siegte u.a. klar gegen Eduard Gutknecht und nach umstrittenem Kampf gegen Khoren Gevor. Zum „Supersix-Turnier“, das hauptsächlich auf Betreiben des Sauerland-Teams stattfand, wurde er nicht eingeladen. Erst als die Sauerland -Boxer schlecht dabei abschnitten, wurde man auf Robert Stieglitz aufmerksam. Sauerland wollte Arthur Abraham unbedingt wieder zum Weltmeister machen. Gegen keinen der anderen Titelträger sah man eine reale Chance. So wurde die Titelübernahme von Stieglitz zu Abraham „von langer Hand“ geplant. SES und Sauerland veranstalteten plötzlich zusammen und Stieglitz wurde mit einem jungen Gegner zwecks Titelverteidigung versorgt. Abraham wurde bei der gleichen Veranstaltung erstmal zum WBO-Europameister gemacht und war dann im Handumdrehen Herausforderer von Stieglitz. In dem Zusammenhang von einem Deal zu sprechen, ist natürlich reine Spekulation. Stieglitz verlor den Titel an Abraham – so wie Sauerland sich das vorgestellt hat. „King Arthur“ hatte wieder einen Gürtel und man war vorerst glücklich. Der Rückkampf endete mit einer Verletzung Abrahams und damit der umjubelten Rückholung des WBO-Gürtels nach Magdeburg. Schließlich kam es auf wundersame Weise sehr schnell zum 3. Kampf, den Stieglitz nach Punkten verlor. Wer allerdings glaubt, das Kapitel sei damit abgeschlossen, irrt gewaltig. Abraham verteidigte den Gürtel zweimal gegen stark geredete Gegner aus Reihe 3 und soll nun gegen den Sieger aus dem Kampf zwischen Sturm und Stieglitz verteidigen. Unter dem Dach von SAT 1 ausgedacht und nicht mal die schlechteste Idee, wenn man an das Zuschauerinteresse denkt. Schließlich ist es nun immerhin möglich, dass der seit Jahren zur Diskussion stehende Kampf zwischen Abraham und Sturm Wirklichkeit wird.

Was wird dabei heraus kommen? Wer hat die besseren Karten, diesen Fight zu gewinnen? Eins sollte klar sein: Keiner von Beiden geht als klarer Favorit in diesen Kampf. Sowohl Sturm als auch Stieglitz haben Stärken und Schwächen, die für Sieg oder Niederlage sprechen. Sturm war in den letzten Kämpfen weit unter seinen früheren Möglichkeiten. Technisch gut vorgebildet, aber fast steif und einfallslos. Stieglitz ist beweglicher geworden, will kein statisches Ziel bieten, greift rücksichtslos an, hat wie man so schön sagt, eine Pferdelunge. In diesem Kampf wird es auf einige ebenso gegensätzliche, wie wichtige Dinge ankommen: Wer kann wem seinen Stil und damit seinen Kampf aufzwingen? Dieser Fight wird, wenn es nicht zu einem unvorhergesehenen frühen KO kommt, in den letzten Runden entschieden. Wer kommt am besten durch die 12 Runden. So glaubt man. Aber: Wichtig dabei und womöglich vorentscheidend ist auch, wer in der frühen Phase des Kampfes Runden für sich sammeln konnte. Es wird schließlich jede der 12 Runden bewertet und nicht nur danach geurteilt, wer in den letzten 3 Durchgängen die bessere Figur abgegeben hat.
Die Möglichkeit, diesen Kampf zu gewinnen hat Sturm, wenn er sich auf seine Action aus dem de la Hoya Fight besinnen kann. Die Chance das zu verhindern und seinerseits zu siegen, hat auch Stieglitz, wenn er Lehren aus den letzten Kämpfen gezogen hat und auch in den letzten Runden auf schnellen Beinen unterwegs bleibt. Vielleicht ist es sogar die Beinarbeit, über die dieser Kampf entschieden wird. Endet dieser Kampf nicht vorzeitig, werden die Punktrichter das Sagen haben. Bleibt zu hoffen, das Urteil gibt keinerlei Anlass zu Kritik. Möge der an dem Abend Bessere gewinnen.
Einige Worte der Beteiligten von der Pressekonferenz:
Robert Stieglitz: „Wir kämpfen im Supermittelgewicht – in meiner Gewichtsklasse. Deshalb sehe ich mich im Vorteil. Ich kann Felix Sturm schlagen, und werde das auch tun.“
Felix Sturm: „Das wird ein Kampf, über den noch sehr lange gesprochen werden wird. Wir sind beide offensive Boxer, die im Ring immer im Vorwärtsgang kämpfen. Das wird schwierig, aber ich bin sehr, sehr gut vorbereitet.“
SES-Chef Ulf Steinforth: „Robert hat mir immer wieder gesagt: ‚Ich bin heiß auf einen Kampf gegen Felix Sturm.‘ Also machen wir den Kampf.“
Sturm-Manager Manfred Meier: „Ganz Deutschland kann sich auf einen Festtag freuen. Das wird ein Duell der Extraklasse.“
Der „ran SUPERFIGHT“ zwischen Robert Stieglitz und Felix Sturm wird am Samstag, dem 8. November 2014 live ab 22:30 Uhr auf SAT.1 gezeigt.
Zu dem Kampf gibt es hier auf der Seite eine Umfrage – jeder kann seine Stimme abgeben. Mal sehen, wie die Boxfans den Kampfausgang einschätzen.
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