
Robert Garcia und Roy Jones Jr. glauben an David Benavidez – doch wie realistisch ist ein Kampf gegen Oleksandr Usyk wirklich?
Vor wenigen Wochen hätte kaum jemand ernsthaft über einen Kampf zwischen Oleksandr Usyk und David Benavidez gesprochen. Heute sieht das anders aus.
Der Auslöser ist nicht irgendein Social-Media-Gerücht oder eine Promoter-Fantasie. Vielmehr haben mit Trainer Robert Garcia und Boxlegende Roy Jones Jr. zwei renommierte Stimmen des Sports öffentlich die These aufgestellt, dass Benavidez der Mann sein könnte, der Usyk vor die vielleicht größte Herausforderung seiner späten Karriere stellt.
Noch ist das Duell reine Spekulation. Doch allein die Tatsache, dass es inzwischen ernsthaft diskutiert wird, zeigt, wie sehr sich die Wahrnehmung rund um beide Boxer verändert hat.
Warum die Debatte überhaupt entstanden ist
Oleksandr Usyk gehört zu den außergewöhnlichsten Boxern seiner Generation.
Der Ukrainer dominierte zunächst das Cruisergewicht, bevor er auch im Schwergewicht Geschichte schrieb. Siege über Tyson Fury, Anthony Joshua und Daniel Dubois haben seinen Status als einer der besten Boxer dieser Ära gefestigt.
Dennoch hinterließ sein jüngster Auftritt Fragen.
Er gewann zwar erneut, wirkte dabei jedoch deutlich angreifbarer als in vielen seiner früheren Spitzenkämpfe. Genau dort setzen die Argumente von Robert Garcia und Roy Jones Jr. an.
Garcia erklärte öffentlich, dass er Benavidez durchaus in der Lage sehe, Usyk zu schlagen. Roy Jones Jr. ging sogar noch weiter und bezeichnete einen möglichen Kampf als die derzeit spannendste Option für den ungeschlagenen Amerikaner.
Das allein macht die Diskussion bemerkenswert.
David Benavidez ist längst mehr als nur ein Herausforderer
Lange Zeit wurde David Benavidez vor allem über den nie zustande gekommenen Kampf gegen Saul „Canelo“ Alvarez definiert.
Inzwischen hat sich seine Karriere jedoch deutlich weiterentwickelt.
Mit Siegen gegen namhafte Gegner und dem erfolgreichen Wechsel in höhere Gewichtsklassen hat sich der Amerikaner zu einem der gefährlichsten Kämpfer im modernen Boxen entwickelt. Sein aggressiver Stil, seine hohe Schlagfrequenz und sein permanenter Vorwärtsdruck haben ihm nicht umsonst den Spitznamen „The Mexican Monster“ eingebracht.
Sein Rekord ist weiterhin makellos.
Vor allem aber wirkt Benavidez heute wie ein Boxer, dem langsam die passenden Gegner ausgehen.
Genau deshalb taucht sein Name inzwischen auch in Verbindung mit Kämpfern auf, die eigentlich außerhalb seiner natürlichen Gewichtsklassen liegen.
Was sportlich für Benavidez sprechen würde
Die Argumentation seiner Unterstützer ist nachvollziehbar.
Benavidez besitzt Eigenschaften, die technisch brillante Boxer oft vor Probleme stellen können:
- hoher Arbeitsrhythmus
- konstanter Vorwärtsdruck
- starke Körpertreffer
- enorme Physis
- die Bereitschaft, Kämpfe unangenehm zu machen
Genau diesen Punkt hob Roy Jones Jr. besonders hervor.
Seiner Ansicht nach besteht der Schlüssel gegen Usyk nicht darin, ihn auszuboxen. Vielmehr müsse man ihn permanent unter Druck setzen und aus seinem gewohnten Rhythmus bringen.
Benavidez gehört zu den wenigen Spitzenboxern, die einen solchen Kampfstil über zwölf Runden auf höchstem Niveau durchziehen können.
Warum Usyk trotzdem Favorit bliebe
So faszinierend das Szenario klingt – die Gegenargumente sind mindestens ebenso stark.
Usyk hat in seiner Karriere bereits zahlreiche Stilrätsel gelöst.
Viele Experten glaubten vor den Kämpfen gegen Joshua oder Fury ebenfalls, dass Größe, Reichweite oder körperliche Stärke den Unterschied machen würden. Am Ende fand Usyk nahezu immer eine Antwort.
Seine größte Stärke bleibt seine Anpassungsfähigkeit. Der Ukrainer analysiert Gegner während des Kampfes, verändert Winkel, Tempo und Distanzkontrolle und zwingt selbst Eliteboxer dazu, außerhalb ihrer Komfortzone zu arbeiten.
Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Faktor: Benavidez hat bislang keinerlei Erfahrung im Schwergewicht gesammelt.
Ein möglicher Wechsel in die Königsklasse wäre nicht einfach nur ein weiterer Karriereschritt, sondern eine völlig neue sportliche Herausforderung.
Die größere Wahrscheinlichkeit heißt derzeit Beterbiev
Während Fans bereits von Usyk gegen Benavidez träumen, könnte die Realität deutlich näher liegen.
Vieles spricht aktuell dafür, dass Benavidez zunächst andere Aufgaben vor sich hat.
Vor allem ein möglicher Kampf gegen Artur Beterbiev wird seit Monaten diskutiert. Sportlich wäre diese Begegnung wesentlich leichter umzusetzen und würde gleichzeitig eine enorme Aufmerksamkeit erzeugen.
Auch andere Namen wie Dmitry Bivol oder Jai Opetaia bleiben für Benavidez hochrelevant.
Deshalb stellt sich die Frage, ob ein Schwergewichtsabenteuer tatsächlich der nächste logische Schritt wäre – oder ob es zunächst noch wichtigere Aufgaben in den unteren Gewichtsklassen gibt.
Das Geschäft spielt ebenfalls eine Rolle
Im modernen Boxen entscheiden längst nicht mehr allein sportliche Argumente.
Titelkonstellationen, Pflichtverteidigungen, Promoterinteressen und die Rolle Saudi-Arabiens beeinflussen die Reihenfolge großer Kämpfe erheblich.
Gerade deshalb bleibt Usyk gegen Benavidez momentan vor allem eine attraktive Idee. Eine Idee allerdings, die groß genug ist, um weltweit Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Denn das Duell vereint nahezu alles, was Boxfans fasziniert: Der etablierte Champion gegen den aufstrebenden Herausforderer.
Technik gegen Druck. Erfahrung gegen Dynamik. Legende gegen Monster.
Usyk vs. Benavidez – BOXWELT-Einordnung
Aktuell ist Usyk gegen Benavidez vor allem eine Debatte – noch kein konkretes Projekt.
Die Aussagen von Robert Garcia und Roy Jones Jr. zeigen jedoch, dass dieses Szenario innerhalb der Boxwelt ernst genommen wird.
Sportlich wäre der Kampf hochinteressant. Wirtschaftlich wäre er ein globales Großereignis. Politisch und organisatorisch gibt es dagegen weiterhin zahlreiche Hürden.
Deshalb bleibt die wahrscheinlichste Entwicklung zunächst eine andere: Benavidez dürfte sich weiterhin mit den besten Namen seiner eigenen Gewichtswelt beschäftigen, während Usyk seine letzten Karriereschritte plant.
Doch im heutigen Boxgeschäft genügt manchmal eine einzige Entscheidung, um aus einer Theorie plötzlich Realität werden zu lassen.
Und genau deshalb wird die Diskussion um Usyk gegen Benavidez so schnell nicht verschwinden.



