Magdeburg. Roman Fress hat seine offene Rechnung gegen Armend Xhoxhaj im zweiten Anlauf nicht begleichen können. Nach zwölf intensiven Runden trennten sich beide Cruisergewichtler am Samstagabend in der Magdeburger Messehalle mit einem umstrittenen Split Draw. Die Punktrichter werteten den Kampf 112:114 für Xhoxhaj, 113:113 sowie 116:111 für Fress.

Das Ergebnis bewahrt Fress vor seiner zweiten Niederlage gegen den Kosovaren, beantwortet aber gleichzeitig kaum eine der Fragen, die vor dem Kampf gestellt wurden. Statt eines klaren Siegers bleibt vor allem die Diskussion um die Wertung – und die Frage, wie nah Roman Fress tatsächlich an einem WM-Kampf ist.

Ein Kampf, der früh explodierte

Die ersten beiden Runden verliefen ausgeglichen bis leicht zugunsten von Fress. Der Magdeburger nutzte seine Reichweitenvorteile, arbeitete mit dem Jab und kontrollierte zunächst die Distanz.

Dann kam die dritte Runde.

Xhoxhaj erwischte Fress zunächst mit einer harten rechten Hand und schickte ihn zu Boden. Nach dem Anzählen entwickelte sich ein wilder Schlagabtausch, in dessen Verlauf auch Xhoxhaj kurz unter Druck geriet. Wenig später lief Fress jedoch erneut in einen Konter und musste ein zweites Mal zu Boden.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte der Herausforderer den Kampf auf seine Seite gezogen.

Xhoxhaj kontrolliert die Mitte des Kampfes

Die entscheidende Phase folgte zwischen Runde fünf und Runde acht.

Während Fress zunehmend in die Defensive gedrängt wurde, marschierte Xhoxhaj konsequent nach vorne und bestimmte Tempo sowie Rhythmus des Kampfes. Der Nürnberger setzte die klareren Akzente, arbeitete kontinuierlich zum Körper und zwang Fress immer wieder in die Doppeldeckung.

Genau diese Runden stehen im Mittelpunkt vieler nachträglicher Analysen.

Zahlreiche Beobachter sahen Xhoxhaj in dieser Phase klar vorne. In Verbindung mit den beiden Niederschlägen aus Runde drei entstand dadurch das Bild eines Kampfes, in dem der Kosovare zwischenzeitlich deutlich auf Siegkurs lag.

Starkes Finish rettet Fress das Remis

Doch Xhoxhaj zahlte für sein hohes Tempo.

Ab Runde neun wurden erste Ermüdungserscheinungen sichtbar. Fress fand zurück in den Kampf, arbeitete wieder häufiger mit dem Jab und gewann mehrere der Schlussrunden.

Vor allem der zwölfte Durchgang gehörte dem SES-Boxer. Die späte Aufholjagd brachte ihn zurück auf die Scorecards und machte ein Unentschieden überhaupt erst möglich.

Genau deshalb wird das Remis selbst von vielen neutralen Beobachtern nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Diskutiert wird vielmehr die deutliche 116:111-Wertung von Punktrichter Dieter Adam zugunsten von Fress, die angesichts der beiden Niederschläge und der dominanten Mittelphase Xhoxhajs schwer nachvollziehbar erscheint.

Die Wertung im Mittelpunkt

Offizielles Urteil

PunktrichterWertung
Giulio Piras (Italien)114:112 Xhoxhaj
Zoltán Enyedi (Ungarn)113:113
Dieter Adam (Deutschland)116:111 Fress

Während die ersten beiden Karten ein enges Gefecht widerspiegeln, sorgt insbesondere die dritte Wertung für Diskussionen.

Selbst Beobachter, die das Remis insgesamt als vertretbar ansehen, tun sich schwer damit, neun Runden für Fress zu erkennen.

Die Debatte dürfte deshalb in den kommenden Tagen weitergehen.

Was bedeutet das Ergebnis für Roman Fress?

Sportlich bleibt Fress ein Spitzenmann auf europäischer Ebene. Der Kampf offenbarte aber auch mehrere Baustellen:

  • Anfälligkeit gegen Druckboxer
  • Probleme in längeren Defensivphasen
  • Schwankungen im Kampfverlauf
  • Fehlende Konstanz über zwölf Runden

Positiv hervorzuheben bleibt seine Moral. Nach zwei Niederschlägen kämpfte er sich zurück und gewann wichtige Schlussrunden.

Gleichzeitig wirkt ein unmittelbarer WM-Kampf nach dieser Leistung deutlich weniger zwingend als noch vor wenigen Wochen.

Trilogie statt WM?

Durch das Remis bleibt die sportliche Hierarchie ungeklärt.

Ein dritter Kampf erscheint plötzlich realistischer als der direkte Weg in Richtung Weltmeisterschaft. Aus sportlicher Sicht wäre eine Trilogie leicht zu begründen:

  • Erste Begegnung 2022: Sieg Xhoxhaj
  • Zweite Begegnung 2026: Unentschieden
  • Offene Frage nach dem besseren Mann

Für Veranstalter und Fans wäre ein dritter Kampf zudem problemlos vermarktbar.

BOXWELT-Fazit

Der Hauptkampf lieferte genau das, was sich Boxfans wünschen: Drama, Niederschläge, Momentumwechsel und eine starke Schlussphase.

Was er nicht lieferte, war Klarheit.

Armend Xhoxhaj zeigte erneut, warum er für viele der unbequemste Gegner im deutschen Cruisergewicht bleibt. Roman Fress bewies wiederum Durchhaltevermögen und Comeback-Mentalität.

Das Ergebnis lässt beide Männer im Rennen – beantwortet aber keine der großen Fragen.

Die wichtigste davon lautet weiterhin: Wer ist derzeit tatsächlich die Nummer eins im deutschen Cruisergewicht?